Lasst die Memes hinter euch
Sveamaus-Memes lustig zu finden ist verwerflich, nicht weil sie klassistisch sind, sondern weil sie unlustig sind
Die legendäre Kritikerin Fran Lebowitz hat einmal gesagt, dass ein scharfsinniges Publikum für die Kultur genau so wichtig ist, wie ihre Kunstschaffenden. Auch wenn sie sich damals offensichtlich nicht auf Instagram-Memeseiten bezogen hat, sondern auf die Ballettszene des New York der Siebziger und Achtziger, verliert ihr Statement nicht an Schlagkraft. Social Media ist mittlerweile für die meisten Menschen die wichtigste Anlaufstelle für Comedy, egal ob auf Facebook, Instagram oder Twitter. Eine der Protagonistinnen der Instagram-Ecke dieser Sphäre ist Sveamaus, Memegröße und neuerdings auch Buchautorin, deren Format, Inhalt und Bildsprache exemplarisch stehen für deutsche Memekultur der letzten Jahre. Bereits zuvor, an anderer Stelle, habe ich über deutsche Online-Kultur a la Sveamaus geschrieben, meine damaligen Gedanken will ich an dieser Stelle jedoch noch einmal präzisieren.
Was darf Kunst?
Vor ca. einem Monat erschien im Jacobin-Magazin ein Artikel mit dem Titel Verachtung für Boomer ist nicht progressiv, der sich an Sveamaus abarbeitete und der nachweislich von meinem eigenen Twitter-Thread zum Thema inspiriert war. Damit aber nicht genug, denn der Autor drehte zudem die eigentliche Kritik so um, dass ich plötzlich wider meinen Willen in die Anti-Anti-Sveamaus Fraktion gezwungen wurde. So warf der Autor des Artikels Svea Mausolf vor, dass ihre Fokussierung auf Baby Boomer als Feindbild, abgesehen davon, dass sie oberflächlich und damit verfehlt sei, außerdem reiner Antipathie ihrer Elterngeneration gegenüber entstamme. Gesellschaftskritik verkäme so zu „postpubertärem Gekicher über Boomer-Interieur und alles, was dem Geschmack linksliberaler Millennials zuwider ist“. Auf diese Weise würde ihr Werk die Gräben aktueller Kulturkämpfe reaffirmieren und klassistische Stereotype bedienen.
Knapp zwei Wochen später veröffentlichte nd-aktuell dann eine Replik, die Sveamaus verteidigte und ihre Memes als Rache der Millennials an den Boomern interpretierte. Der Humor sei nicht klassistisch und eine Form der Katharsis, weil er die eigene Erziehung kritisch hinterfrage und dabei helfe, Traumata zu bewältigen. Ob es den durchschnittlichen Liker*innen der Posts wirklich darum geht, alte Wunden zu heilen oder hier doch eine offensichtliche und wehrlose Zielgruppe für einfache Pointen herangezogen wird, das ist nebensächlich, weil ja schließlich primär aus der Perspektive der Kunstschaffenden gedacht wird. Die Abrechnung Svea Mausolfs mit einem bestimmten Milieu ist erstmal durchaus legitim, egal welche Einflüsse Klassendynamiken auf die Kritik üben. Sveamaus praktiziert nicht automatisch Nach-Unten-Treten, nur weil sich in den Posts über die untere Mittelschicht echauffiert wird. Falls hier Klassismus vorliegt, ist er so unbeträchtlich, dass darüber zu diskutieren den Begriff ad absurdum führt.
Das Problem besteht selbstverständlich nicht nur für Sveamaus, sondern genauso für ihre Peers. So herrscht eine wahre Epidemie an Instagram-Seiten, die täglich das selbe Meme mit unterschiedlichem Anstrich posten.
Sveamaus leistet jedoch genauso kein progressives Nach-Oben-Treten. Insofern stimme ich dem Argument aus dem Jacobin-Artikel zu, dass hier keine Gesellschaftskritik geübt wird (Das Argument entstammt schließlich meinem Thread). Die Menschen, über die sie sich lustig macht, mögen, je nach Ziel des Tages, auf dem Papier eine marginal bessere gesellschaftliche Position haben, als sie selbst. Aber selbst wenn es Männer oder Eigenheimbesitzer*innen sind, gehören sie effektiv keiner anderen Klasse an. Ja, manche Boomer haben bestimmt mehr Geld als wir, das ist aber nicht die Schuld von Harald und Birte, 58, gehen immer noch zu der Friseurin mit den problematischen Migrations-Takes, „weil sie die Färbung so toll macht“. Aber aus wirklich systemischen Problemen lassen sich nicht so atzige Memes machen. Wenn sie Bezug nimmt auf die tatsächlich verantwortliche, die politische Klasse, dann nur, um seichte Witzchen zu machen. In diesen Fällen werden grünliberale und konservative Klischee-Zitzen gemolken, die schon vor Jahren aufgehört haben auch nur den Luftzug zu produzieren, den die Sveamaus-Klientel aus der Nase stößt, wenn sie sich einreden „einen weiteren Banger“ zu konsumieren.
Verachtung für Boomer kann progressiv sein
Vermutlich ist es politisch unproduktiv, Menschen um die 60 aus der unteren Mittelschicht zum zentralen Problem zu erklären, insofern mag der Inhalt der Memes mehr eine Abrechnung mit der eigenen Elterngeneration sein als politisches Programm. Eine individualpsychologische Analyse der Produzentin und der Konsument*innen liegt mir jedoch ziemlich fern. Dass Boomer generell zum Feindbild werden und postpubertäre Angriffe erleiden, ist unter Umständen zu begrüßen. Wenn ich auf Twitter lese, dass jemand einen News-Tweet über die deutsche Wirtschaft damit kommentiert, dass sämtliche Boomer in Gefangenenlager gesteckt gehören, dann ist das lustig, nicht weil es stimmt, sondern weil es eine gelungene Übertreibung realer Probleme darstellt. Boomer-Hass ist durchaus progressiv, weil er zumindest in gewisser Hinsicht Fortschritt fordert, formal wie inhaltlich. Er kann dabei helfen, sich von bestehenden Machtstrukturen zumindest verbal loszulösen und die Forderung nach Veränderung voranzutreiben.
Ob dies der eigenen Agenda förderlich ist, sei wie bereits gesagt dahingestellt, doch rein kommunikativ ist es durchaus funktional. Dafür bedarf es aber eben einem Boomer-Hass, der denjenigen von Sveamaus genau umdreht, wo also der Hass als systematische Einstellung zum Generationenkonflikt verstanden wird, als ideelle Opposition zum Status Quo und nicht denjenigen, wo Mama und Papa als konservative Opfer betrachtet werden, weil sie CDU wählen. Ja, Konservatismus ist das größte Problem dieser Gesellschaft, ich stimme nicht nicht zu, aber sich im Internet innerhalb der eigenen Bubble an Leuten abzuarbeiten, die diesen Spott nicht wirklich mitbekommen, dient weniger einer tatsächlichen Initiative der Kritik als der Selbstbestätigung.
Wenn man sich die Loyalität der digitalen Gefolgschaft so anschaut, kann man zu keinem anderen Schluss kommen, als dass das Publikum mehr als zufrieden damit ist, die Magierin bloß immer denselben Hasen aus demselben Hut ziehen zu sehen.
Humor muss zumindest ästhetisch das Potenzial haben, die eigenen Überzeugungen in Frage stellen, statt nur über die Out-Group herzuziehen. Das Ergebnis dieses Läster-Humors ist es nämlich, dass man höchst sensibel reagiert, wenn die eigenen Überzeugungen über Politik und Humor doch einmal in Frage gestellt werden. Trotzdem kann man sich durch den Fingerzeig in Richtung alter Konservativer gut einreden, wie progressiv man ist, obwohl man eigentlich nur elitäre Überheblichkeit demonstriert. Jedoch lässt sich hier fairerweise entgegnen, dass Sveamaus am Ende des Tages kein politisches Projekt ist, sondern eine Meme-Page. Insofern ist die politische Verfehltheit des Subtexts nur bedingt legitime Kritik und die Frage, ob klassistisch oder nicht, auch völlig egal.
Konditionierter Reiz und konditionierte Reaktion
Das viel größere Problem mit dem Content (derogatory) ist, dass die Stilkritik, die in den Memes geleistet wird, peinlich, derivativ und vielleicht sogar reaktionär ist. Vielleicht gelange ich im Laufe des Textes noch zu einem schlüssigen Argument, dass es sich hier um Faschismus handelt, mal gucken. Die Antideutschtum-Accusations hat Sveamaus jedenfalls bisher nicht beaten können. Insgesamt gab es für eine Satirikerin auffallend wenige Äußerungen zu einem anhaltenden Genozid.
Zurück zum Thema: Den wichtigsten Punkt, den man zum Thema Sveamaus ansprechen sollte, nämlich dass sie im engeren Sinne nicht und darüber hinaus auch in jedem anderen Sinne nicht lustig ist, lässt der Autor des Jacobin-Artikels gänzlich fallen, was in mir den Verdacht erweckt, er könnte sie lustig finden. Der nd-aktuell-Artikel hingegen macht keinen Hehl daraus, Mausolfs Relatability-Schund für bewegende Kunst und „sehr lustig“ zu halten. Der Sveamaus-Humor™ hat sich längst abgenutzt und war darüber hinaus schon immer in jeder Hinsicht abzulehnen. Wenn Leute in den Kommentaren des Instagramposts zum Jacobin-Artikel anbringen, dass hier jemand (der Autor) ganz schön viele Worte dafür gebrauche, zu sagen, dass er ihren Humor nicht möge, dann zeigt sich die Trotz-Reaktion der pawlowschen Hunde, denen man gesagt hat, das zur Genüge bekannte Leckerli sei gar nicht so leckerli kurz nachdem sich der Speichel schon im Mund gesammelt hat.
Warum sonst sollte man etwas lustig finden, das man schon zum Eintausendachthunderteinunddreißig-mal-die-durchschnittliche-Anzahl-an-Slides-ten mal gesehen hat. Das Problem besteht selbstverständlich nicht nur für Sveamaus, sondern genauso für ihre Peers. So herrscht eine wahre Epidemie an Instagram-Seiten, die täglich das selbe Meme mit unterschiedlichem Anstrich posten. Sie alle nutzen die generelle Zufriedenheit ihrer Gefolgschaft mit dieser Einfallslosigkeit aus. Witze sind Zaubertricks, auf ein Setup folgt eine Pointe, die (bestenfalls) überrascht, mit Erwartungen bricht, das Setup umkehrt. Wenn man sich die Loyalität der digitalen Gefolgschaft so anschaut, kann man zu keinem anderen Schluss kommen, als dass das Publikum mehr als zufrieden damit ist, die Magierin bloß immer denselben Hasen aus demselben Hut ziehen zu sehen. Hauptsache, das bestehende Bild darüber, wie die Welt funktioniert, was richtig und was falsch ist, wird aufrechterhalten.
Wer nicht die Veränderung sucht, wer sich zufrieden gibt mit dem immerselben Schund, wer mental stecken bleibt in den Mustern vergangener Zeiten, der wird zwangsläufig Konservatismus in sein Leben lassen.
Meine Kritik gilt also nicht primär der Autorin. Vor dieser würde ich Respekt gewinnen, sollte sich rausstellen, dass sie die Geschmacklosigkeit eines studentisch-linken Instagrampublikums erkannt hat und nun ausnutzt, um Kasse zu machen. Das ist immerhin Unternehmertum. Das wirkliche Problem ist, dass selbst innerhalb eines jungen, sich selbst als progressiv beschreibenden, digital affinen Milieus, das über sich selbst sagen würde weltoffen und kulturell gebildet zu sein, dermaßen niedrige Ansprüche an Kunst im weitesten Sinne besteht, dass solch anspruchslose, unästhetische und schlicht uncoole Inhalte wie die von Sveamaus sich großer Beliebtheit erfreuen. Wenn Anfang- bis End-Zwanziger bereits beginnen, Kunstwerke abzukulten, die in jeder Hinsicht nur die direktesten, unmittelbarsten Impulse bedienen und jegliche tatsächliche Auseinandersetzung vermeiden, dann ist es wirklich over für meine Generation. Qualität wird dann in den Augen der Masse nicht mehr dadurch definiert, was Bestehendes in Frage stellt, provoziert, neue Wege geht, kreiert, sondern was den Anschein erweckt, Kunst zu sein, indem es die gleichen Phrasen, die gleichen Bilder, die gleichen Ideen dessen reproduziert, von dem schon längst bekannt ist, dass es Kunst ist.
Meta-Nostalgie
Insofern produziert Sveamaus ein zweiseitiges Problem: Abgesehen davon, dass ihre Memes das Publikum darauf trainieren, zu liken, sobald sie das Bild mit Einrichtung und Signature-Font sehen und zu denken, so funktioniere Humor, spielt sie auch ein perfideres Spiel mit der Kindheit bzw. Adoleszenz ihrer Klientel. So würden ihre Fans behaupten, sie stelle die Insignien der deutschen Bürgerlichkeit der 2000er Jahre auf subversive, satirische Art und Weise dar. Wenn jedoch ein Bild von typischer Weißplastik Garten-Garnitur samt Sonnenschirm und Stühlen die Caption „Hier Prospekte durchblättern“ erhält, fragt man sich schon, wo genau die humoristische Transformation stattgefunden haben soll. Achso, der Hase wird heute mit Meta-Kommentar aus dem Hut gezogen, höre ich durch den tosenden Applaus aus der Sitzreihe vor mir.
In Wahrheit wird hier nostalgoont was das Zeug hält, weil was haben wir nun wirklich damals für verrückte Klamotten getragen, nur die Allerwenigsten werden sich erinnern. Inhalte eines Luke Mockridge-Programms, aber in pseudo-subversiv. Mir war bewusst, dass Nostalgie der Feind ist, aber dass er bereits so früh in meinem Leben seine hässliche Fratze zeigt, hat mich doch etwas überrascht. Nostalgie ist die Keimzelle des Konservatismus ist die Keimzelle des Faschismus. Perfekt, da haben wir’s. Job erledigt. Abgesehen von meinen verrückten Späßen bin ich jedoch in der Tat davon überzeigt, dass die Art von kultureller Regression selbst in scheinbar progressiven Kreisen, die wir gerade erleben, der Vorbote für drastischere kollektiv-psychologische Entwicklungen ist. Wer nicht die Veränderung sucht, wer sich zufrieden gibt mit dem immerselben Schund, wer mental stecken bleibt in den Mustern vergangener Zeiten, der wird zwangsläufig Konservatismus in sein Leben lassen. Wer rastet, der rostet.
Das Plädoyer muss daher lauten: Werdet der Muster überdrüssig, werdet der Fonts überdrüssig und der Pointen und der Themen und der Posts. Ansonsten habe ich schlechte Nachrichten: You’re not gonna make it. Irgendwann haben auch eure Eltern, eure Großeltern und alle anderen aufgehört, das Neue zu schätzen und angefangen, das Alte zu verklären. Mal mehr, mal weniger, hat sich diese Tendenz eingeschlichen in die Leben von Leuten und dazu geführt, dass man moderne Musikgenres ablehnt, keine aktuellen Filme sieht, originelle Gerichte nicht mehr ausprobiert. Die Aufregung neuer Impulse weicht der Bestätigung bestehender Ideen. Paprika Edelsüß und hölzerne Essgruppen mögen für Manche die in ästhetischen Entscheidungen geronnene Form einer solchen Geisteshaltung sein, der Abgrund blickt aber bekanntermaßen immer auch in einen selbst hinein.

nostalgoont. Shit wie gut ist dieser Beitrag!!!!??
"Jedoch lässt sich hier fairerweise entgegnen, dass Sveamaus am Ende des Tages kein politisches Projekt ist, sondern eine Meme-Page."
Ja, und genau das bringt ganz gut auf den Punkt, weshalb ich diese ganze Diskussion seltsam und lächerlich finde. Du findest die Posts sind unlustiger slop, schön und gut. Warum du "Boomer in Gefangenenlager stecken" für eine gelungene Zuspitzung hältst, zugleich aber das "Guckt mal wie simpel gestrickt die Boomer sind" in derartigen Memes für primitiven Pawlow-Humor, kannst du nicht sinnvoll erklären. Das brauchst auch gar nicht, denn es gibt nunmal keinen objektiven Maßstab dafür, was lustig ist und was nicht. Aber damit erürbrigen sich eben auch deine Kritik und der Versuch, sie zu objektivieren.
Woher die Vorstellung kommt, dass man dieses Genre des Social-Media-Posts am Maßstab der politischen Nützlichkeit messen müsse, ist mir schleierhaft. Du scheinst ein vages und vielleicht sogar zutreffendes Bauchgefühl zu haben, dass das Publikum sich weit überwiegend als besonders politisch und besonders links wahrnimmt. Und jetzt? Wie viele Menschen behaupten denn wirklich, das Erstellen und Konsumieren derartiger Posts sei eine ernsthafte und obendrein effektive politische Betätigung? Das scheint mir eine Windmühle zu sein, gegen die du ankämpfst.
"Qualität wird dann in den Augen der Masse nicht mehr dadurch definiert, was Bestehendes in Frage stellt, provoziert, neue Wege geht, kreiert, sondern was den Anschein erweckt, Kunst zu sein, indem es die gleichen Phrasen, die gleichen Bilder, die gleichen Ideen dessen reproduziert, von dem schon längst bekannt ist, dass es Kunst ist."
Schön formuliert, aber auch hier stellst du ausgerechnet solche Prämissen in den Raum, über die nachzudenken sich mehr lohnen würde als über deine Schlussfolgerung. Ist Provokation, Neuheit und die Infragestellung von Bestehendem ein oder sogar der Maßstab, an dem wir Kunst messen? Du gehst völlig selbstverständlich davon aus, dass Kunst überhaupt einer Bewertung und Einteilung in unterschiedliche Güteklassen zugänglich ist und dass ausgerechnet das der richtige Maßstab ist. Nicht nur das, sondern du schreibst auch, es werde dann in den Augen der Masse nicht "mehr" dadurch definiert. Sehen "die Massen" das denn bisher so? Man kann all das sicherlich begründen, aber das müsste man mEn dann auch.
Das liest sich vielleicht feindselig, ist es aber nicht. Ich hab den Text gern gelesen und es ist gut geschrieben. Schlechte Texte regen nicht zur Auseinandersetzung mit dem Inhalt an.